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← Magazin 27. Mai 2026
DACH-Szene · 10 min

Michael Wollny 2026 — Stand des prägenden deutschen Jazz-Pianisten der Gegenwart

Seit gut zwei Jahrzehnten ist Michael Wollny die wohl meistdiskutierte Klavier-Stimme der deutschsprachigen Jazz-Szene. Eine Bestandsaufnahme zu Werk, Trio-Konstellationen und kompositorischer Sprache des Jahrgangs 1978 — und zur Frage, was Wollny von seinen europäischen Generations-Kolleginnen unterscheidet.

Wer im Mai 2026 versucht, das gegenwärtige Klavier-Spiel im deutschsprachigen Jazz zu beschreiben, kommt an einem Namen kaum vorbei. Michael Wollny, geboren 1978 in Schweinfurt, ist seit gut 20 Jahren die zentrale Klavier-Stimme der deutschen Szene. Drei Trio-Konstellationen, eine konstante Label-Bindung an ACT Records, eine Reihe von solistischen Veröffentlichungen, ein breites kompositorisches Spektrum zwischen barocker Kontrapunktik, freier Improvisation und elektronisch erweiterter Klang-Skulptur — das ist das Material, das eine Bestandsaufnahme 2026 voraussetzt.

Biografie ohne Mythologisierung

Wollny ist im fränkischen Schweinfurt aufgewachsen, eine Industriestadt in Bayern, die mit der Jazz-Geographie der Bundesrepublik nichts zu tun hat. Klavier-Unterricht in der Kindheit, klassische Ausbildung, dann der Wechsel zum Jazz in der späten Schulzeit. Den ersten formenden Lehrer fand er in Würzburg: Chris Beier, selbst Pianist und Jazz-Pädagoge, hat Wollny in den späten 1990er Jahren mit den Standards-Repertoires und mit der Improvisations-Tradition vertraut gemacht. Wollny hat in Interviews die Würzburger Phase als die Zeit benannt, in der die handwerkliche Grundlage geschaffen wurde, auf der das spätere Werk aufbaut.

Das Hochschulstudium folgte in Würzburg — Hochschule für Musik — und in Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater. In Hamburg traf Wollny auf eine Reihe von Musikerinnen und Musikern, die später seine zentralen Trio-Partner werden sollten: Eva Kruse am Kontrabass, Eric Schaefer am Schlagzeug. Die Hamburger Jazz-Szene um 2000 — geprägt vom Umfeld der Hochschule, vom Cotton Club, vom Birdland und von der frühen ACT-Records-Politik unter Siegfried Loch — war der eigentliche Resonanz-Raum, in dem Wollnys Ankunft im professionellen Betrieb stattfand.

Die Trio-Konstellationen

Wollnys künstlerische Biografie lässt sich am sinnvollsten über die Folge seiner Trio-Konstellationen lesen, die jeweils eine Phase markieren.

Das Wollny–Schaerer-Trio, gegründet 2003 mit dem Schweizer Pianisten Lucas Schaerer und einer rotierenden Rhythmus-Sektion, war die früheste der dauerhaften Konstellationen. Sie war zugleich Ausweis einer programmatischen Position: zwei Pianisten an einem Klavier — oder an zwei Klavieren — als Form, die das übliche Trio-Format aufbricht und die Improvisation über Klavier-Polyphonie statt über die Standard-Rhythmus-Beziehung organisiert.

Das (em)-Trio, 2005 gegründet mit Eva Kruse am Kontrabass und Eric Schaefer am Schlagzeug, wurde die zentrale und längst-laufende Wollny-Formation. Über mehr als 15 Jahre und etwa ein Dutzend Studio-Alben hat sich diese Konstellation als eines der prägenden europäischen Klavier-Trios der zweiten Hälfte der 2000er und der 2010er Jahre etabliert. (em) — der Name spielt sowohl auf die Tonart e-Moll als auch auf das deutsche Wort em (für ihn) an — hat im Repertoire eine produktive Spannung zwischen freien Improvisations-Strecken, originalen Wollny-Kompositionen und überraschenden Cover-Versionen kultiviert: von The Cure über Sufjan Stevens bis zu Hildegard von Bingen.

Das Wartburg-Trio, eine neuere Konstellation seit etwa 2014, ist die formal lockerste der drei: ein wechselndes Ensemble um eine konstante Wollny-Idee, oft mit Tamar Halperin am Cembalo und Andreas Schaerer als Vokal-Solist, das in der Wartburg-Kapelle und an anderen historischen Aufnahme-Orten in einer hybriden Konstellation zwischen Alter Musik und freier Improvisation arbeitet. Die Wartburg-Aufnahmen sind die ästhetisch extremste der Wollny-Linien: eine bewusste Brücke zur Renaissance-Modalität und zur lutherisch-deutschen Choral-Tradition, die im DACH-Jazz seltener präsent ist als in skandinavischen Kontexten.

Die ACT-Records-Bindung

Wollnys Label seit dem Beginn seiner professionellen Karriere ist ACT Records, gegründet 1992 in München von Siegfried Loch — selbst zuvor in zentralen Funktionen bei WEA und Polydor tätig. Loch hat ACT als europäisches Jazz-Label mit einem konzeptionellen Schwerpunkt auf der deutschsprachigen und skandinavischen Szene aufgebaut: Esbjörn Svensson Trio, Nils Landgren, Vince Mendoza, Jan Lundgren, später eben Wollny. Die ACT-Strategie unterscheidet sich von ECM darin, dass sie weniger auf einen einheitlichen Klang setzt und mehr auf Künstler-Profilierung mit deutlich erkennbarer Album-Architektur und einer aktiven kommerziellen Vermarktung.

Wollny ist seit etwa 2002 bei ACT. Die Veröffentlichungs-Folge umfasst alleine im (em)-Format etwa ein Dutzend Studio- und Live-Alben, dazu Solo-Aufnahmen (Hexentanz 2009, Tippetts 2025), Duo-Aufnahmen (mit Heinz Sauer, mit Tamar Halperin) und mehrere Kollaborationen. Die Label-Bindung ist eine der konstantesten der gegenwärtigen europäischen Jazz-Szene; Loch ist 2024 verstorben, das Label wird von seiner Tochter Andrea und einem Team in München weitergeführt, mit Wollny als einem der zentralen Identifikations-Künstler.

Kompositorische Sprache

Was zeichnet das Wollny-Werk im engeren Sinne aus? Drei Linien sind durchgängig erkennbar.

Erstens: eine intensive Auseinandersetzung mit der klassischen Klavier-Tradition vor 1900. Bach-Linien, Schumann-Echos, Schubert-Anspielungen sind in Wollnys Kompositions- und Improvisations-Sprache präsent, nicht als Zitate, sondern als Substanz. Das ist im gegenwärtigen Jazz nicht selbstverständlich — die amerikanische Tradition seit Bill Evans (1929–1980) hatte zwar immer ein klassisches Element, aber die explizite Bezugnahme auf die deutsche romantische Klavier-Literatur, wie Wollny sie betreibt, ist im DACH-Jazz fast ein eigenständiges Idiom.

Zweitens: eine Verankerung in der freien Improvisations-Tradition, insbesondere im Umfeld des ICP (Instant Composers Pool) und der niederländischen Free-Szene um Misha Mengelberg und Han Bennink. Wollny hat diese Linie nie öffentlich als Hauptbezug benannt, aber die strukturelle Verwandtschaft seiner Improvisations-Architektur mit der ICP-Tradition — die Bereitschaft, Material radikal zu zerlegen, Klang-Gestus über melodische Linearität zu stellen, die Solo-Phase als Komposition zu organisieren — ist hörbar.

Drittens: eine Offenheit für elektronische Erweiterung und für Crossover-Repertoires. Wollny hat in mehreren Phasen seines Schaffens elektronische Klang-Erzeuger (präparierte Klaviere, Synthesizer, Live-Elektronik) integriert, ohne in die Fusion-Tradition zu verfallen. Diese dritte Linie ist die jüngste seines Werks und prägt besonders die Aufnahmen seit etwa 2018.

Stand 2026 — aktuelle Projekte

Im Mai 2026 ist Wollny mit mehreren parallelen Projekten präsent. Das (em)-Trio ist mit dem aktuellen Programm in der Frühjahrs-Konzertsaison auf Tournee; das letzte Studio-Album der Konstellation ist 2024 erschienen und wird in den europäischen Jazz-Magazinen weiterhin diskutiert. Eine neue Duo-Aufnahme mit Vincent Peirani am Akkordeon ist für Herbst 2026 angekündigt. Ein Lehrauftrag an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, den Wollny seit mehreren Jahren wahrnimmt, ist die institutionelle Verankerung seiner Position; Wollny gehört damit zu jener neueren Generation deutscher Jazz-Pianistinnen und -Pianisten, die akademisch verankert sind, ohne damit ihre künstlerische Praxis akademisch zu reduzieren.

In der internationalen Wahrnehmung ist Wollny seit etwa 2010 die dominierende deutsche Klavier-Stimme. Festival-Engagements bei Saalfelden, beim Moers Festival, beim JazzFest Berlin, in Willisau, in Montreux und in North Sea Jazz dokumentieren eine Tournee-Geographie, die im europäischen Jazz selten ist. Auf der amerikanischen Seite ist Wollnys Sichtbarkeit deutlich geringer; die transatlantische Jazz-Szene ist seit einigen Jahren eher in den USA in Richtung Europa porös als umgekehrt.

Einordnung in der DACH-Klavier-Landschaft

Wollny ist nicht der einzige bedeutende deutschsprachige Jazz-Pianist seiner Generation. Pablo Held, geboren 1986 in Hagen, führt mit seinem Trio (Robert Landfermann am Bass, Jonas Burgwinkel am Schlagzeug) eine vergleichbar konstante Konstellation, die seit 2007 besteht und mit der Wollny in mehreren Schnittpunkten arbeitet. Die ältere Generation um Joachim Kühn (geboren 1944) und die kürzlich verstorbenen Wolfgang Dauner (1935–2020) und Alexander von Schlippenbach (1938–2024) hat eine eigenständige Free-Tradition gepflegt, an die Wollny anknüpft, ohne sie nachzuahmen.

Was Wollny von seinen Generations-Kolleginnen und -Kollegen unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der er das Klavier-Trio als zentrale Form weiterentwickelt hat, ohne in die Standards-Tradition zurückzufallen, in der die meisten amerikanischen Klavier-Trios der Gegenwart arbeiten. Wollnys Trio-Praxis ist kompositorisch durchgearbeitet wie ein Streichquartett, frei in der Improvisations-Phase, und in der Wahl der Cover-Versionen — Hildegard von Bingen, The Cure, Paul Hindemith — programmatisch.

Kritische Stimmen

Die Kritik am Wollny-Werk ist zu nennen, nicht weil sie überzeugt, sondern weil sie die Diskussion strukturiert. Ein erster Vorwurf — geäußert in den 2010er Jahren in einigen Feuilletons — war die angebliche Klassik-Lastigkeit, die den Jazz-Charakter der Aufnahmen verschiebe. Dieser Vorwurf hat ein verkürztes Verständnis von Jazz zur Voraussetzung, in dem die Tradition vor 1959 und nach 1969 als eigentliche Heimat des Genres gilt; er ist im internationalen Diskurs seit Jahren nicht mehr relevant.

Ein zweiter Vorwurf, eher aus der Free-Improvisations-Ecke, war die zu hohe Komposition-Dichte der Wollny-Programme: zu wenig Vertrauen in die offene Form, zu viel kuratorische Steuerung. Dieser Vorwurf ist sachlich diskutierbar; er übersieht aber, dass Wollny in den Solo-Aufnahmen und in den Wartburg-Sessions sehr wohl die offene Form praktiziert. Die strukturierte Komposition ist eine Wahl, nicht ein Mangel.

Ein dritter, jüngerer Vorwurf betrifft die Markt-Position: dass Wollnys Sichtbarkeit andere deutsche Pianistinnen und Pianisten verdecke. Hier ist die empirische Lage gemischt — die deutsche Jazz-Szene 2026 ist breiter aufgestellt als vor 15 Jahren, mit einer Reihe von Pianistinnen wie Julia Hülsmann und Aki Takase, die eigenständige Karrieren führen, und einer jüngeren Generation um Lukas Rabe und Florian Weber. Wollnys Dominanz ist real, aber nicht erdrückend.

Was nach 2026 zu erwarten ist

Wollny ist im Mai 2026 47 Jahre alt. Das ist im Jazz die Phase, in der die zweite große Werk-Hälfte beginnt — die nach den frühen Etablierungs-Aufnahmen und vor den Spät-Aufnahmen, in der die kompositorische Sprache ihre charakteristische Reife findet. Bill Evans war in dieser Phase mit dem Trio um Eddie Gomez und Marty Morell; Keith Jarrett war mit dem Standards Trio und den großen Solo-Konzerten dabei.

Welche Form Wollnys zweite Werk-Hälfte annimmt, ist offen. Die (em)-Trio-Aufnahmen werden vermutlich weiterlaufen, die Wartburg-Linie wird sich vermutlich erweitern, die Hochschul-Lehre wird die nächste Generation der deutschen Klavier-Szene mitprägen. Für ein DACH-Jazz-Publikum, das seit 20 Jahren mit Wollnys Aufnahmen lebt, ist 2026 eine Zwischen-Bilanz: ein Werk in der Mitte seines Verlaufs, in voller Produktion, ohne erkennbare Stagnation und mit einer kompositorischen Sprache, die nach wie vor an mehreren Fronten arbeitet. Das ist mehr, als man von vielen Generations-Genossen sagen kann.


Ressort: DACH-Szene