Moers Festival seit 1972 — 54 Jahre Avantgarde-Jazz im Niederrhein
Seit Pfingsten 1972 ist das Moers Festival das deutsche Festival für die avancierte Jazz- und Improvisations-Musik. Eine Bilanz nach 54 Jahren, mit dem Blick auf die Hennen-Ära der Gründungs-Phase, die kanonischen Auftritte von Cecil Taylor bis Brötzmann und die jüngere Programmpolitik seit der Übernahme durch Tim Isfort 2017.
Pfingsten 2026 fand das 55. Moers Festival statt. Es ist das längst-laufende und programmatisch konsequenteste Festival für avancierte Improvisations- und Jazz-Musik im deutschsprachigen Raum. Seit 1972, mit nur wenigen Anpassungen in Format und Aufführungs-Orten, hat das Festival am Pfingst-Wochenende in einer mittelgroßen Stadt am Niederrhein eine Programmpolitik verfolgt, die im internationalen Vergleich ihresgleichen sucht. Eine Bilanz nach 54 Jahren.
Burkhard Hennen und die Gründungs-Phase
Burkhard Hennen, geboren 1944 in Moers, war kein Musiker, kein Veranstalter aus dem klassischen Konzertbetrieb, kein Mitarbeiter einer der etablierten Jazz-Institutionen der Bundesrepublik. Er war Jazz-Hörer und politisch interessierter Bürger einer Stadt, in der die Jazz-Tradition vor 1972 keine besondere Rolle gespielt hatte. Hennens Initiative, im Juni 1972 ein Festival mit dem Titel International New Jazz Festival Moers auf die Beine zu stellen, war ein bürgerschaftliches Unternehmen mit einer programmatischen Schärfe, die sie von vielen anderen lokalen Initiativen jener Jahre unterschied.
Das Konzept: ein Festival am Pfingst-Wochenende, mit drei Tagen Programm, mit einem konsequenten Fokus auf die avancierte Jazz- und Improvisations-Musik der Gegenwart. Keine Standards, keine Jazz-Rock-Crossover, keine Mainstream-Konzessionen an die Erwartungen des Massenpublikums. Das International im Titel war Programm: Hennen lud von Beginn an Musikerinnen und Musiker aus der gesamten Avantgarde-Welt ein, aus den USA, aus Großbritannien, aus den Niederlanden, aus Italien, später aus Osteuropa und Skandinavien.
Die Aufführungs-Orte der ersten Jahre waren provisorisch, organisiert in der Moerser Innenstadt und auf öffentlichen Plätzen. Ab Mitte der 1970er Jahre etablierte sich das Festivalzelt im Schlosspark als zentraler Veranstaltungs-Ort, ergänzt durch die Konzerte in der Aula des Gymnasiums, im Schlosstheater und an wechselnden Spielorten in der Stadt. Diese mehrfache Veranstaltungs-Geographie blieb über Jahrzehnte ein Markenzeichen des Festivals.
Die kanonischen Auftritte
Zwei Jahrzehnte lang — von etwa 1974 bis 1995 — war das Moers Festival der zentrale Ort, an dem die internationale Free-Jazz-Avantgarde im deutschsprachigen Raum auftrat. Eine Liste der Auftritte dieser Phase liest sich wie ein Verzeichnis der Free-Jazz-Geschichte.
Cecil Taylor (1929–2018), der zentrale Solo-Klavier-Spieler der amerikanischen Free-Tradition, trat erstmals 1979 in Moers auf und mehrfach in den folgenden Jahren; seine Solo-Konzerte gehören in die Liste der mythologisierten Festival-Momente. Anthony Braxton, einer der wichtigsten amerikanischen Komponist-Saxofonisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war in seinen verschiedenen Ensemble-Konstellationen wiederholt in Moers präsent. Peter Brötzmann (1941–2023), der deutsche Tenor-Saxophonist und kompromissloseste Vertreter der Free-Sprache im deutschsprachigen Raum, war über drei Jahrzehnte hinweg Hausgast des Festivals.
Aus der niederländischen Szene war Misha Mengelberg mit dem ICP-Orchester regelmäßig in Moers, Han Bennink als Schlagzeuger ebenso. Aus der britischen Improvisations-Tradition kamen Evan Parker, Derek Bailey, Tony Oxley. Aus dem AACM-Umfeld (Association for the Advancement of Creative Musicians in Chicago) das Art Ensemble of Chicago, Lester Bowie, Roscoe Mitchell. Aus der osteuropäischen Avantgarde Tomasz Stanko (1942–2018), das Vienna Art Orchestra mit Mathias Rüegg, aus Skandinavien das Trio Bobo Stenson, später das Atomic-Quintett. Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
Was diese Auftritte verband, war nicht nur die musikalische Qualität, sondern die programmatische Kohärenz. Hennen kuratierte das Festival nicht als Schaufenster der Vielfalt, sondern als kontinuierliche Erkundung einer bestimmten Tradition: der freien, oft kompositorisch ungebundenen, oft politisch grundierten Improvisations-Musik, die sich seit Ornette Coleman (Free Jazz 1961) und Cecil Taylor in den USA und seit der parallelen europäischen Free-Bewegung der späten 1960er Jahre als eigene Spur etabliert hatte.
Die DACH-Festival-Landschaft im Vergleich
Moers ist nicht das einzige Avantgarde-Jazz-Festival im deutschsprachigen Raum, aber es ist das älteste und das konsequenteste. Das JazzFest Berlin, gegründet 1964 als Berliner Jazztage durch Joachim-Ernst Berendt, ist älter, hat aber über die Jahrzehnte ein breiteres Programm verfolgt, das vom Mainstream bis zur Avantgarde reicht. Das Saalfelden Jazzfestival in Österreich, seit 1980, ist programmatisch ähnlich konsequent wie Moers, aber kleiner und in einer entlegeneren geografischen Lage. Das Jazzfestival Willisau in der Schweiz, seit 1975 unter Niklaus Troxler aufgebaut und über Jahrzehnte geführt, war über Jahre programmatisch eng mit Moers verwandt und ist nach Troxlers Rückzug 2009 in eine andere Phase übergegangen.
Im internationalen Vergleich ist Moers zwischen dem Newport Jazz Festival in den USA (seit 1954, Mainstream-orientiert und Großveranstaltung), dem Montreux Jazz Festival in der Schweiz (seit 1967, mit Claude Nobs als langjährigem Leiter, breitestes Pop-Jazz-Crossover-Festival) und dem North Sea Jazz Festival in den Niederlanden (seit 1976 in Den Haag, seit 2006 in Rotterdam, größte europäische Jazz-Veranstaltung) eine andere Spezies: ein bewusst kleines Festival mit einer scharfen programmatischen Linie, keine Großveranstaltung mit Mehrgenerations-Publikum.
Die Übergänge der 2000er Jahre
Burkhard Hennen leitete das Festival von 1972 bis 2005, also über mehr als drei Jahrzehnte. Seine Ablösung 2006 markierte den ersten großen Übergang. Reiner Michalke, vorher beim Stadtgarten Köln, übernahm die Künstlerische Leitung und führte das Festival bis 2016. Die Michalke-Ära ist geprägt von einer Modernisierung des Programms, ohne den avantgardistischen Kern aufzugeben: stärkere Präsenz der elektronischen Improvisations-Musik, kuratorische Brücken zur zeitgenössischen Komposition, ein erweitertes Verständnis von Jazz als Begriff.
Diese Phase war organisatorisch nicht immer einfach. Die Förderung des Festivals durch die Stadt Moers, das Land Nordrhein-Westfalen und den Bund ist über die Jahrzehnte mehrfach Gegenstand politischer Debatten geworden — eine Diskussion, die jedes Avantgarde-Festival in Europa kennt, da die staatliche Förderung kulturell anspruchsvoller, kommerziell randständiger Veranstaltungen permanent neu legitimiert werden muss.
Tim Isfort seit 2017
Seit 2017 ist Tim Isfort, geboren 1969, Kontrabassist und langjähriger Musiker in der nordrhein-westfälischen Improvisations-Szene, Künstlerischer Leiter des Festivals. Sein Antritt markierte den zweiten großen Generations-Wechsel. Isfort ist die jüngere Leitungs-Generation, und er hat das Programm in mehrere Richtungen geöffnet, ohne den Avantgarde-Kern zu verlassen.
Vier Veränderungen sind in den Isfort-Jahren erkennbar.
Erstens, eine systematische Förderung jüngerer Generationen. Während die Hennen-Ära und die Michalke-Ära das Festival als Plattform für die etablierten Avantgarde-Größen genutzt hatten, hat Isfort konsequent Künstlerinnen und Künstler unter 40 eingeladen, oft in ihrer ersten internationalen Bühnen-Präsenz. Das Festival ist damit zu einem Sprungbrett geworden, das es in der Hennen-Ära weniger gewesen war.
Zweitens, eine konsequente gender-balanced programming-Politik. Isfort hat von Beginn seiner Leitung an darauf geachtet, dass Festival-Programme nicht mehr wie in den 1970er und 1980er Jahren von männlichen Improvisatoren dominiert werden. Die Liste der in den letzten Jahren auf dem Festival aufgetretenen Musikerinnen — Susana Santos Silva, Mette Rasmussen, Camille Émaille, Angelika Niescier, Almut Kühne, Maria Faust — ist nicht Quotenpolitik, sondern Reflex einer Szene, die sich verbreitert hat.
Drittens, eine genre-Öffnung in Richtung elektronischer und post-Jazz-Praktiken. Das Festival hat in den letzten Jahren regelmäßig Acts eingeladen, die zwischen freier Improvisation, elektronischer Komposition und Sound Art operieren — eine Erweiterung, die nicht alle Stamm-Besucherinnen und -Besucher mittragen, die aber die internationale Vernetzung des Festivals stärkt.
Viertens, ein aktiver Dialog mit der Stadt Moers. Isfort hat das Festival stärker in den städtischen Raum verankert, mit Workshops, Schul-Projekten und ergänzenden Veranstaltungen, die den Festival-Charakter aus dem reinen Konzert-Format herausholen. Das ist auch Antwort auf die Förder-Debatte: ein Festival, das in der Stadt Spuren hinterlässt, ist politisch leichter zu verteidigen als eines, das nur Zuhörerinnen und Zuhörer für vier Tage aus ganz Europa einfliegen lässt.
Die Pandemie-Jahre und die Anpassungen
Das Festival 2020 fand pandemiebedingt in einem hybriden Format statt, mit reduzierter Publikums-Präsenz und einem Streaming-Konzept, das einen erheblichen Teil des Programms online zugänglich machte. Das Festival 2021 war ähnlich angepasst, das Festival 2022 — das 50-Jahr-Jubiläum — konnte unter besonderen Hygiene-Auflagen wieder in einem vollwertigeren Format stattfinden.
Die Pandemie-Jahre haben dem Festival programmatische Innovationen aufgezwungen, die in der Nach-Pandemie-Zeit teilweise erhalten geblieben sind. Das Streaming-Angebot, anfangs eine Not-Lösung, ist mittlerweile fester Bestandteil — Konzerte werden zeitversetzt online zugänglich gemacht, ein Teil davon kostenfrei, ein anderer im Rahmen einer Festival-Mediathek. Diese Digital-Strategie hat die Reichweite des Festivals über die rund 8.000 Vor-Ort-Besucherinnen und -Besucher hinaus deutlich erweitert.
Stand 2026
Das Festival 2026 stand unter dem programmatischen Leitmotiv einer Auseinandersetzung mit der elektronischen Erweiterung der Improvisations-Tradition. Headliner waren unter anderem Susana Santos Silva mit ihrem aktuellen Quartett, Eve Risser mit dem White Desert Orchestra, das Trio Rob Mazurek / Damon Locks / Chad Taylor und eine deutsche Erstaufführung von Wadada Leo Smiths neuestem Großen-Ensemble-Werk. Daneben eine Reihe von Solo-Konzerten, von Duo-Konstellationen und von zwei sogenannten Long-Form-Konzerten — improvisierte Sets über mehr als zwei Stunden, eine der unverwechselbaren Festival-Formen, die in Moers seit den 1990er Jahren regelmäßig kuratiert werden.
Das Publikum 2026 war eine Mischung aus drei Generationen: Stamm-Besucherinnen und -Besucher der Hennen- und Michalke-Ära, die das Festival seit den 1980er und 1990er Jahren begleiten; eine mittlere Generation, die in den 2000er und 2010er Jahren dazu kam; und eine jüngere Generation, deren Entdeckung des Festivals in der Isfort-Phase liegt. Diese Mischung ist im DACH-Festival-Vergleich selten und ist Beleg für die Beharrungskraft eines programmatischen Konzepts, das über mehr als ein halbes Jahrhundert seine Substanz behauptet hat.
Was 54 Jahre lehren
Drei Lehren lassen sich aus 54 Jahren Moers Festival ziehen, ohne in die Festspiel-Nostalgie zu verfallen.
Erstens, dass programmatische Schärfe ein Festival über Generationen tragen kann. Die Versuchung, im Zuge schwankender Förderung das Programm zu verbreitern und das spezifische Publikum gegen ein größeres zu tauschen, ist permanent vorhanden. Moers hat dieser Versuchung in der Hennen-, Michalke- und Isfort-Phase widerstanden und ist genau dadurch das geblieben, was es seit 1972 sein wollte.
Zweitens, dass Generations-Wechsel in der künstlerischen Leitung möglich sind, ohne den programmatischen Kern zu verlieren. Die drei Leiter — Hennen 1972 bis 2005, Michalke 2006 bis 2016, Isfort seit 2017 — sind verschieden in Stil und Schwerpunkt, aber sie teilen ein gemeinsames Verständnis der Festival-Funktion. Das ist im Festival-Betrieb, in dem die Leiter-Person oft das Programm überdetermineren, eine Leistung.
Drittens, dass die Avantgarde-Tradition im Jazz nicht historisch erledigt ist, sondern eine lebendige Praxis bleibt, die jedes Jahr neue Musikerinnen und Musiker hervorbringt und neue Hörerinnen und Hörer findet. Die These vom Ende des Jazz, die seit der Fusion-Phase Ende der 1960er Jahre periodisch wiederkehrt, wird von einem Festival wie Moers Jahr für Jahr widerlegt. Die nächsten 54 Jahre werden anders aussehen als die vergangenen — die Trennung zwischen Jazz und Elektronik, zwischen Komposition und Improvisation, zwischen Bühne und Algorithmus wird sich weiter verschieben. Aber das Pfingst-Wochenende in Moers wird voraussichtlich auch 2030 und 2040 stattfinden, mit einem Programm, das die Tradition des Hauses ernst nimmt und gleichzeitig die Gegenwart der Musik in den Saal holt.